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Apps erobern die Business-Welt

 

B2B-APPS Es gibt eine Welt ausserhalb von App Store und Google Play, und zwar eine grosse, ­unsichtbare, die stetig wächst: die Welt der Business-to-Business-Apps. Die Entwicklung läuft rasant und bringt ­viele originelle Ideen.

Die UBS Event App für UBS-Stammkunden ist eine gelungene B2B-App und gewann Gold beim Best of Swiss App Award.
Die UBS Event App für UBS-Stammkunden ist eine gelungene B2B-App und gewann Gold beim Best of Swiss App Award.
 

Früh auf den Zug der App-Entwicklung aufgesprungen ist Webgearing. Bereits 2008, kurz nach Einführung des iPhones, hat die Solothurner Firma den Trend erkannt und für Enduser Apps kreiert, etwa «iMatcher», eine Spielerei im Bereich der Partnersuche. Bald entwickelte Webgearing auch Geschäftsapplika­tionen, etwa für Novartis, Kuoni, SRF, Kaba und auch KMU. Webgearing-Gründer Thomas Probst sagt zu den Einsatzmöglichkeiten: «B2B-Apps können in allen Branchen Sinn machen. Meistens geht es darum, die Mitarbeiterkommunikation zu verbessern, das bestehende Intranet zu erweitern.» Er nennt als Beispiel das firmeninterne Anschlagbrett für Infos und Events, das sich dazu eignet, in eine App integriert zu werden und auf mobilen Geräten zu nutzen.

Sicherheit geht vor
Stets ein wichtiger Aspekt sei die Sicherheit, weil die Daten eben nicht öffentlich zugänglich sein sollen. «Wir haben ein System entwickelt, das erlaubt, ohne das Internet zu öffnen, über eine Schnittstelle Daten auszutauschen – ein eigentliches App-Content-Management-System», sagt Probst, räumt aber ein: «Ausschliessen, dass Daten nach aus­sen dringen, kann man nie. Wenn ein Mitarbeiter einen Screenshot erstellt und ihn auf Facebook postet, nützen alle Sicherheitsvorkehrungen nichts».

Zu den Standardfunktionen einer B2B-App gehören interne Informationen, News, Ankündigungen von Events, die Ausschreibung offener Stellen, der Bereich der Notfallkoordination, auch die Mitarbeiterlokalisierung. Thomas Probst spricht auch von einer «Totmann-Funktion», bei der überprüft werden kann, ob ein Mensch anwesend und handlungsfähig ist. Falls nicht, wird ein Signal oder ein Anruf ausgelöst. Und eine der wichtigsten App-Funktionen sei die Möglichkeit von Push-Nachrichten.

Arbeitsabläufe verbessert
«Grosse Einsparungen orten wir dort, wo Arbeitsabläufe verbessert werden können und der ganze Papierkram abgelöst wird», sagt Probst. Er nennt Beispiele aus dem Facility Management, wo der Hauswart bei einer schadhaften Stelle via die App ein Foto schiesst, damit automatisch ein Reparaturprotokoll eröffnet und an den Handwerker weitergeleitet wird. Erfolg habe jüngst auch eine App für Architekten, auf der die Pläne das aktuellen Baufortschritts gespeichert und weitergeleitet werden können. Verzögerungen und Kosten wegen des Versands würden dadurch wegfallen. Nach den Kosten für eine B2B-App-Entwicklung befragt, sagt Thomas Probst, dass sie sich nicht bei 5000 Franken bewegen, eher bei 50000. Neben den Verbesserungen der Abläufe spiele bei der Bestellung und dem Einsatz einer App der Image-Faktor auch mit.

Dynamische Routenplanung
Ein weiteres Thema sei die Routenoptimierung. Probst nennt ein Beispiel eines Baustellenmaterial-Lieferanten, der zehn Firmenwagen hat und zahlreiche Baustellen betreut. «Jeder Fahrer hat eine App, kann dynamisch eingeben, was er abliefert und mitnimmt, gleichzeitig kann er angepeilt werden, wohin er was als als Nächstes bringen soll». Die B2B-App zur Optimierung des Flottenmanagements berücksichtige auch aktuelle Stausituationen.

«In sämtlichen Branchen, in denen Bring-your-own-device praktiziert wird, spielen B2B-Apps eine Rolle», sagt Stephan Meier, Geschäftsführer von Edge5.com, einer Schwesterfirma von Hinderling Volkart, die auf massgeschneiderte Mobile- und Web-Lösungen spezialisiert ist. Immer mehr Firmen würden ein Home-Office ermöglichen; im Bereich der Teamkommunikation und -kollaboration über den mobilen Weg sei die Nachfrage nach B2B-Apps gross.

Ausland macht es vor
«Vorgelebt werden mögliche Applikationen von Unternehmen im Ausland, etwa in den USA», sagt Meier, «und viele Ideen entstehen im Gespräch mit Firmen mit dem Ziel, Aussendienst-Mitarbeiter gezielter einzusetzen oder die Produktepalette besser zu präsentieren.» Edge5 ist unter anderem für die Swiss tätig und entwickelte zusammen mit Hinderling Volkart die offizielle SWISS App und die Logbook App.

Bei Enterprise-Apps, wie er sie nennt, gehöre die sichere Verteilung zu den Standardfunktionen, die Kontrolle darüber, wer sie verwenden darf, der Zugriff auf interne Server, Push Notifications und der Offline-Access: «Der Sicherheitsaspekt ist in der Schweiz ein grosses Thema, Datenschutzrichtlinien müssen eingehalten werden, und häufig dürfen Daten nicht auf Clouds im Ausland liegen.» Und in der Mitarbeiterkommunikation würden sich Apps sehr gut eignen anstelle eines Mitarbeitermagazins oder einer Pinnwand. «Das Smartpone ist ein ideales Push-Medium, Mitarbeiter können so gezielt informert werden», sagt Meier.

Personalisierung und ­Targeting
Jüngst verfolgt Edge5 vermehrt die Nachfrage nach einem geschlossenen Enterprise App Store. Hier werden etwa Verkaufstools für Mitarbeiter bereitgestellt. «Es braucht einen Weg, die Apps auf die Geräte der Mitarbeiter zu distribuieren», erklärt Stephan Meier. Als weitere Trends nennt er das App Unbundling, die Two-step-Verification anstelle von Passwörtern oder Ansätze wie die von Collaboration Apps à la Podio oder Slack. Die Personalisierung von Infos und das Targeting, die zielgerichtete Ansprache, fliesse zudem verstärkt in die App-Entwicklung ein, ebenso die Integration von Geo-Services und iBeacons, etwa in der Indoor-Navigation, sei es bei Messen oder im Verkaufsladen.

UBS zeigt, wie es geht
Auf gelungene Apps angesprochen, nennt Stephan Meier die UBS Event App, mit der UBS-Stammkunden angesprochen werden, oder die ABB Connect App, dank der das ABB-Vertriebs­team stets die aktuellsten Inhalte für ein Verkaufsgespräch zur Verfügung hat.

Seit 2010 agiert Edge5 im Bereich mobiler Lösungen. «Wir setzen uns mit Fragen nach der optimalen Schnittstelle zwischen mobilen Applikationen und individuellen Backend-Systemen aus­einander», erklärt Stephan Meier. Das neunköpfige Team setzt sich aus Mobile App- und Backend/API-Entwicklern zusammen. Ergänzend wurde die Firma Device Tools (www.devicetools.ch) gegründet. Unter diesem Label werden Unternehmen, Agenturen und iOS-/Android-Entwicklern intelligente Lösungen angeboten, um bestehende oder neue Apps mit einem Cloud Storage sowie nützlichen Features zu verknüpfen.

An CMS angeknüpft
Reto Senn von Bitforge sagt: «Wir sehen den Einsatz überall, wo es für die Geschäftsprozesse Sinn macht, insbesondere im Aussendienst, etwa Verkauf, Service, Montage und Pflege.» Die meisten Apps würden an ein bestehendes System angeknüpft, an ein CMS oder eine Shoplösung. Dazu kämen zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten wie location based services oder Bluetooth. «Wir sehen aktuell vor allem eine Zunahme von Anfragen aus der Industrie, bei welchen das Mobile die klassische Gerätesteuerung ersetzt oder gar Teil von neuen Produkten ist und klassische embedded-Lösungen ersetzt», ergänzt Senn. Seine Firma Bitforge ist bereits seit zehn Jahren in der Entwicklung von Apps tätig, exklusiv in der Schweiz: «Wir haben dank unseres eingespielten Teams und der richtigen Technologiewahl eine sehr hohe Effizienz sowohl bei der Kommunikation als auch bei der Umsetzung und sind konkurrenzfähig», sagt Senn.

Robin Wirz, CEO von Terria Mobile, Softwareanbieter und Entwickler von Applikationen für mobile Endgeräte, sagt zu den neuesten Funktionen einer Business-Applikation: «B2B-Apps werden immer tiefer in die internen Unternehmensprozesse integriert und zunehmend personalisiert. Push-Notifikationen sind ein wichtiger Baustein mobiler Kommunikation geworden. Deren Möglichkeiten sind mittlerweile um einiges grösser und teilweise subtiler als früher. Auch gegenüber SMS bieten sie Vorteile.» So könnten beispielsweise direkt in der Notifikation verschiedene Aktionen ausgeführt werden, ohne eine App oder Website öffnen zu müssen.

User Experience
«Die Anwendererfahrung ist heute wichtiger als je zuvor», findet Wirz. «Die Nutzer sind sich aus ihrem privaten Alltag Apps mit hervorragender User Experience gewohnt. Darum lassen sie sich im B2B-Bereich auch nicht mit komplexen Apps mit hässlichen Bedienoberflächen abspeisen.» Der Trend hierzu heisse Consumerization: «Business-Apps müssen die gleich hohen Massstäbe an Nutzerfreundlichkeit erfüllen wie B2C-Apps.»

Ein weiterer Trend im B2B-Umfeld seien kontextgesteuerte Apps, die dem Nutzer zur genau richtigen Zeit das richtige Angebot machen. «Solche Apps wissen, was der Nutzer will, und passen sich entsprechend an. Zum Kontext gehören beispielsweise Standort, Nutzungshistorie, Kundenstatus und Einstellungen. Dahinter steckt die Absicht, sich am Customer Journey des Kunden zu orientieren», erklärt Robin Wirz. Hier gehe es darum, jederzeit wie von Geisterhand das richtige Angebot zu machen und so die Nutzer durch den gesamten Prozess des Marken­erlebnisses zu begleiten.

Mobile Moments als Zukunft
Führe man diesen «Kontext»-Gedanken konsequent weiter, lande man beim aktuellsten Trend im Mobile-Bereich: den «Mobile Moments». Sie beschreiben das Agieren in genau den Momenten, die im Kunden­erlebnis mit der App zentral sind. Als wichtiger Unterschied zum klassischen Marketing werde eine solcher Moment jedoch nicht geplant und selbst ausgeführt, sondern situativ vorbereitet und durch die Nutzer und ihren Kontext ausgelöst.

«Diese ‹Mobile Moments› sind das zukünftige Schlachtfeld für Apps und werden das Marketing revolutionieren, auch im B2B-Umfeld», sagt Wirz. «Marketing-Abteilungen, die für diese mobile Zukunft entsprechend gerüstet sind, werden auch im Zusammenspiel mit der generellen Digitalisierung des Geschäfts, Cloud und Big Data, ihr Marken­erlebnis nachhaltig verbessern, lukrative neue Geschäftsmöglichkeiten finden und der Konkurrenz einen wichtigen Schritt voraus sein.»

Autor: Gregor Waser

 

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